Acht Schritte zum Glück
Text Saar Ferngas Förderpreis Junge Kunst 2008, Preisträgerkatalog
Anahita Razmi wurde für zwei Videoarbeiten ausgezeichnet, die sich – um es möglichst allgemein zu sagen – mit der zeitgenössischen Situation und Aspekten des Lebens im Iran, in Persien, beschäftigen. Als Tochter eines Iraners und einer Deutschen hat sie, da in Deutschland aufgewachsen, den Blick von
Außen, sie selbst nennt es „den Bezug einer Fremden: Jemand, der außen steht, aber sich gleichzeitig in einer nicht definierten Relation zu dieser Fremde befindet.“ Natürlich ist diese Position, so unbestimmt sie sein mag, eine besondere, setzt sich die Künstlerin doch aus einer durch ihre Herkunft bestimmten inneren Notwendigkeit mit dem Land Iran auseinander.
Die thematischen Bezüge beider Videos sind jedem politisch und gesellschaftlich interessierten Betrachter
geläufig – zumindest nach kurzer Erklärung weiß jeder, worum es geht:
In „How your veil can help you in the case of an earthquake (lesson 1-8)“ ist es der Tschador, der Schleier der muslimischen Frau, in „White Wall Tehran“ sind es die iranischen Revolutionsgarden, deren Regime visualisiert wird. Sowohl Tschador als auch fundamentalistische Wächter sind Reizwörter, Symbole eines politisch kontrovers diskutierten Systems, das einen Gegenentwurf zu westlicher Kultur und Gesellschaft darstellt.
Im Video „How your veil can help you in the case of an earthquake (lesson 1-8)“ zeigt Anahita Razmi im Stil einer Stewardess in acht Schritten den Gebrauch eines Schleiers zur Rettung im Fall eines Erdbebens. Ausgangspunkt der Arbeit war ein schweres Beben, das die iranische Region Bam im Dezember 2003 erschüttert hat. Das vollkommen religiös besetzte Motiv des Schleiers wird durch die Umwidmung zum Hilfsmittel im Katastrophenfall zunächst völlig nachvollziehbar profaniert – honi soit qui mal y pense. Der Schelm, der Böses dabei denkt, sieht in diesem unglaublich sublim agierenden Video den Gebrauch des Tschador etwa als Seil, Fahne oder am irrsten (Karl Valentin lässt grüßen) als
Schnupftuch, wenn Erdbebenstaub die Schleimhäute reizt. Anahita Razmi zeigt uns die Hilfe im Katastrophenfall in 8 lessons. Die Zahl ist in allen Weltreligionen eine mehr oder weniger heilige Zahl, bezeichnenderweise nur nicht im Islam. Deshalb gibt es auch in allen christlich, jüdisch oder buddhistisch geprägten Kulturen eine große Zahl von praktischen, politischen oder ethischen Handlungsanweisungen, die in acht Lektionen zu absolvieren sind. Am berühmtesten – und hier liegt der Schlüssel zum tiefer gehenden Verständnis der Arbeit – sind die buddhistischen acht Schritte zum Glück: Diese 8 lessons sind praktische Anweisungen, wie man die Schwierigkeiten des Lebens in wertvolle spirituelle Einsichten umwandelt – in Weisheit, Mitgefühl, Veränderung etc.
„White Wall Tehran“ ist eine andere Geschichte:
Anahita Razmi filmt als Touristin mit ihrer Videokamera auf der Straße in Tehran iranische Revolutionsgardisten. Sie nehmen sie mit auf ihr Revier und überspielen das Videotape, indem sie eine weiße Wand im Gebäude filmen. Die Videoarbeit Razmis besteht aus genau dieser gelöschten Sequenz. Der pseudodokumentarische Charakter beeindruckt, und das Fehlen sattsam bekannter dokumentarisch-erzählender Bilder lässt frösteln… Hier ist Razmi im Auslassen des Dokumentarischen tatsächlich radikal – auf ihre Art so fundamentalistisch, wie es die Garden in anderer Beziehung sind.
Sind diese Videos politische Kunst?
Wenn engagierte Äußerung als Politik gilt, kann die Antwort nur ja lauten. Anahita Razmi ist dabei natürlich keine Agitprop-Künstlerin, sie gibt weder „j’accuse“, noch wird hier politisches Kabarett gedreht. Was sie macht, ist eine intelligente Unterwanderung der Machtstrukturen, sie desavouiert höflich und mit fairen Mitteln, wirkt dadurch umso eindringlicher. Sie weiß, dass man die Insignien der Macht am Besten lächerlich macht, das vertragen sie nicht und scheuen es wie der Teufel das Weihwasser. Neben den so sittsam-zurückhaltenden, sublim agierenden Iran-Arbeiten kann Anahita Razmi durchaus auch anders: In der Paraphase einer Arbeit der englischen Selbstdarstellerin Tracey Emin, „I’ve got it all“, geht es ihr ein wenig um Provokation, ironisch destilliert. Sex sells, sagt man so schön. Während Tracey Pennys und Pfundnoten zusammenrafft, hat sich Anahita auf Pokerchips verlegt. Hoch gepokert und gewonnen.
Heinz Höfchen
(Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern)
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